Vom Appenzellerland bis nach Gibraltar mit dem Velo
Eine Reportage über 3000 Kilometer voller Abenteuer.

Quelle: Manuel Hobi

„Ich glaube Ray hätte nicht einmal sagen können, in welcher Richtung das Meer liegt“, witzelt Manuel über seinen guten Freund und Reisepartner, „deshalb habe ich die Aufgabe vom Kartenlesen übernommen.“ Vorne an der Lenkstange war die Landkarte installiert. Jeweils eine von 15 Kartenabschnitten, denn die Strecke vom Appenzellerland nach Gibraltar mass rund 3000 Kilometer. Der gesamte Weg sollte ausschliesslich mit Muskelkraft und auf Tourenrädern zurückgelegt werden.

Die Route hatten die beiden Hobbysportler erst zwei Wochen vor Aufbruch miteinander abgemacht. Sie waren sich einig, dass sie möglichst lange an der Küste entlangfahren wollten. Das hatte Sonnen- und Schattenseiten. Während der Ausblick und die Küstenstädte schönste Aussichten boten, gab es dafür auch umso stärkeren Wind und auf dem Weg zur Küste hinunter viele Höhenmeter zu überwinden. Die Etappe bei den französischen Pyrenäen verlangten 3000 Höhenmeter an einem Tag ab.

In der Ostschweiz war der Start

Die beiden 18-Jährigen aus dem Appenzellerland starteten ihre herausfordernde Radtour in Teufen AR und fuhren die ersten 140 Kilometer am ersten Tag mit typisch schweizerischer Topografie bis nach Luzern. Die nächste Etappe ging weiter via Bern nach Fribourg und die Dritte etwas über die Grenze bei Genf. Bis hierhin hatten sie die Campingplätze reserviert, danach orientierten sie sich nur noch an ungefähren Tageszielen, über die sie jeden Tag ein paar Kilometer hinwegfuhren. So sicherten sie sich für den Fall der Fälle kleine Zeitpolster für den nächsten Tag.

Kurz nach Verlassen der Schweiz machten sie bereits eine unschöne Erfahrung. Die geplante Strecke war voller Umleitungen und vielen Höhenmetern. Nach vielen Extra-Kilometern merkten sie, dass sie einen grossen Teil zurückfahren und eine andere Strecke nehmen mussten. Das war ein sehr strenger Tag für den Körper, der sich noch nicht so ganz an die hohe körperliche Belastung gewöhnt hatte. Immerhin verbrachten die beiden Ausdauersportler sieben bis acht Stunden pro Tag auf dem Fahrrad und fuhren in dieser Zeit im Durchschnitt 120 Kilometer! Beide hätten sich aber während der ersten paar Tage bereits an die Belastung gewöhnt. Dabei dürfte es Manuel, der auch in seiner Freizeit viel Zeit auf dem Rennrad verbringt, etwas einfacher gefallen sein. Ray, der sich trotz fehlender Erfahrung mit langen Velotouren auf das Abenteuer kurzerhand einliess, brachte aber als Fussballer und Läufer gute Kondition mit und hielt von Anfang an problemlos mit.

Frankreich und seine Herausforderungen

In Frankreich bot sich das Rhone-Ufer als tolle Strecke an, um ans Mittelmeer zu gelangen. Die Fahrradstrecke wechselte immer wieder die Uferseite. Das Schöne an der Rhone-Strecke war, dass es die meiste Zeit windstill war oder sogar Rückenwind gab. Und natürlich garantierte der Fluss auch, dass sie ans Mittelmeer gelangen würden. Doch bevor sie am Meer ankamen, durchfuhren sie Montelimar, wo gerade eine Etappe der Tour de France ihren Lauf nahm. Sie schauten eine Weile zu und dann kam die einleuchtende Idee: Nachdem der letzte Rennradfahrer durchgefahren war, würden sie ihm folgen. So kamen sie in den Genuss von den hindernisfreien Strassen, die eigens für die Tour de France abgesperrt waren. Kein Verkehr, keine Fussgänger und keine Ampeln stellten sich für die nächsten Kilometer in ihren Weg.

Quelle: Manuel Hobi

Idyllischer See in Nantua

Quelle: Manuel Hobi

Lyon bei Nacht

Quelle: Manuel Hobi

Zwischenerfolg wird in Avignon fotografisch festgehalten. Auf dem Foto blieben sie aber nicht lange zu zweit…

„Die Chinesen, die für uns das Erinnerungsfoto gemacht haben, fragten uns, von wo wir kamen. Als sie realisierten, dass wir von der Schweiz bis Avignon mit dem Fahrrad gekommen sind und noch weiter bis nach Gibraltar fahren würden, wollten sie gleich ein Foto mit uns machen. Jeder der chinesischen Reisegruppe einzeln! Das war ein komisches Gefühl, aber irgendwie auch ein lustiges Erlebnis: x Mal für die Kamera dazustehen mit wildfremden Leuten, die uns für weiss ich wen hielten.“

Quelle: Manuel Hobi

Sète: Mit dem Erreichen von der Gemeinde Sète war auch das Mittelmeer erreicht!

In Montpellier an der Mittelmeerküste gönnten sich Manuel und Ray, die sich übrigens vom Gymnasium kennen, zum ersten Mal eine eintägige Pause nach sieben Tagen je acht Stunden Radfahren. „Wir haben die Franzosen ungeduldig und untolerant gegenüber Fahrradfahrern erlebt. Beim Überholen war der Abstand zwischen den Fahrzeugen und uns beängstigend klein. Das war in Spanien ganz anders. Dort überholten sie mit viel mehr Abstand als nötig.“

An der Mittelmeerküste veränderte sich die Challenge: Seewind wurde zum Herausforderer der nächsten Tage, dafür war aber auch die Strecke flacher als im französischen Mittel- und Hochland. Doch schon kurz nach der Grenze von Spanien kamen die Höhenmeter zurück. Die Strassen wurden extrem steil.

„Am Col de Banyuls war es so steil – 500 Höhenmeter auf wenig Kilometer Distanz mit oftmals 20% Steigung -, dass wir auf den Pedalen stehen mussten, damit das Vorderrad nicht abhob. Wir hatten ja schliesslich auch noch Gewicht auf dem Gepäckträger…“

Barcelona hatte seine Tücken…

160 Kilometer vor der katalonischen Hauptstadt Barcelona startete die längste Etappe der gesamten Reise: Von dort bis Barcelona. „Den „Torre Agbar“ hatten wir schon früh im Blick, doch er schien lange nicht wirklich näher zu kommen. Der Küstenteil von Barcelona hat sich wirklich in die Länge gezogen“, erinnern sie sich.

Quelle: Manuel Hobi

Für ein Mal zu Fuss: Besichtigung von Barcelona

Dafür blieben sie in Barcelona für zwei Tage. Diese Pause war aber nicht besonders erholsam, denn die Besichtigung der eindrücklichen Stadt zerrte ebenfalls an den Kräften. Vor allem mental, denn ein gröberer Zwischenfall kam dazwischen: Eines der beiden Tourenräder und zwei Gepäckstücke wurden geklaut. Nun standen die beiden vor einem Haufen rechtlichem Papierkram, zwischen Polizist und Dolmetscher und vor der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Aufgeben und während der restlichen 18 Tage stationär Urlaub in Barcelona machen? Oder ein Occasion-Fahrrad auftreiben und weiterziehen?

Zu diesem Zeitpunkt hatten sie 2000 von insgesamt 3000 Kilometern bereits hinter sich. Für ehrgeizige und leistungsorientierte Sportler wie Manuel und Ray lag die Antwort auf der Hand. Sie mochten die Tour nicht abbrechen. So beschlossen sie, ein Fahrradgeschäft aufzusuchen und eine Occasion zu kaufen. Den einzigen Laden, den sie fanden, war klein und die Auswahl dementsprechend auch: Zwei Mountainbikes waren bei den Occasionen im Angebot. Sie wählten das kleinere Übel und nahmen ihren Weg wieder in Angriff. Mit dem Bike, das eigentlich überhaupt nicht auf Manuel und seine Absichten zugeschnitten war, änderte sich das Bild. Ray fuhr vor und bot so seinem Kollegen Windschatten, damit das Handicap vom unvorteilhaften Bike etwas leichter zu ertragen war.

40 Grad waren kein Grund, schlapp zu machen

In der Hitze Südspaniens hinterliessen unzählige komplett unbewohnte Dörfer und eingetrocknete Flussbette bleibende Eindrücke.

„Die Sandbank vom Fluss wurde sogar zu einem Fussballplatz umfunktioniert!“

„Auf den Strassen gab es unglaublich viele tote Tiere. Von Hund, Maus, Reh, Eule und Papagei haben wir alles gesehen und wegen der Hitze stanken die Kadaver unerträglich.“

Grundsätzlich waren die beiden fest von ihren Unternehmungen überzeugt, und zogen ihre Pläne durch, auch wenn einige aus der Familie Skepsis gezeigt hatten und die Idee verrückt fanden. In der spanischen Wüste bei 39 Grad kamen aber auch ihnen Gedanken, dass sie wahnsinnig seien, so etwas zu machen.

Manuel: „Die Autofahrer denked sicher alli, mir sind chranki Sieche.“

Ray: „Jo i denk au, dass mer chranki Sieche sind.“

Quelle: Manuel Hobby

Flimmernde Hitze und Abgeschiedenheit in trockenen Gebieten Spaniens

Die Mahlzeiten nahmen neue Dimensionen an

Die spanische Wüste Andalusiens verlangte mehr Organisation, was den Wasservorrat und die Mahlzeiten betraf. Bis anhin konnten sie sich auf Tankstellen verlassen, wenn sie Wasser oder ein simples Mittagessen kaufen wollten. Wasserzufuhr und Nahrung durften bei dieser intensiven Aktivität keinesfalls vernachlässigt werden. Am wärmsten Tag, an dem sie in die Pedale traten (42 Grad!) tranken sie zu zweit über 14 Liter Flüssigkeit! Der massive Kalorienverbrauch wurde oft mit deftigen Gerichten und rauen Mengen eingeholt. Ray konnte zum Beispiel Paella für zwei Personen alleine verschlingen! Und Unmengen an Süssgetränken eingeholt. Erst als sie sich errechneten, dass sie an einem Tag allein durch Cola 3000 Kalorien zu sich genommen hatten, realisierten sie die Dimensionen und griffen daraufhin lieber zu Cola Zero und anderen Alternativen.

Im Endspurt

Die nächste Stadt, die sie mit einem Aufenthalt beehrten, war Málaga, die Hauptstadt von Andalusien, der südlichsten Provinz Spaniens. Die nächste Etappe war Marbella und von dort blieb nur noch die Schlussetappe nach Gibraltar. Doch es stellte sich ihnen die Tatsache in den Weg, dass es zwischen Marbella und Gibraltar nur eine Autobahn und keine normalen Strassen oder Fahrradwege gibt. Was blieb den beiden noch anderes übrig…? Der Pannenstreifen und ganz viel Wahnsinn und Ehrgeiz.

Trotz erhöhtem Adrenalinpegel von den 75 km, die auf der Autobahn zurückgelegt worden waren, liess das Erreichen ihres Ziels eine den Adrenalinspiegel noch weiter in die Höhe schiessen: Sie hatten ihr Ziel Gibraltar erreicht!

Quelle: Manuel Hobi

Manuel und Ray auf dem Flugplatz von Gibraltar, wo sich Hauptstrasse und Landebahn kreuzen

Das Höchste der Gefühle

„Es war ein überwältigendes Gefühl, den Peñón de Gibraltar, den wir so gut von Bildern im Internet kannten, nun in echt vor uns zu haben. Vor allem, weil wir ihn allein mit eigener Muskelkraft und Fahrrädern erreicht hatten. Das bringt schon eine spezielle emotionale Bindung zur Stadt. Wir waren lange nicht sicher, ob wir unser Ziel erreichen würden. Es wurden uns ja immer wieder Steine in den Weg gelegt. Seien es der Velodiebstahl, die fehlenden Strassen, die uns auf die Autobahn zwangen oder Wind, Umleitungen oder andere kleinere Dinge.“

„Wir sind auch sehr stolz auf unsere sportliche Leistung. Diese stand für uns auch im Vordergrund. Das ist bei normalen Tourenfahrern anders. Diese legen viele Zwischenhalte ein, um Kultur und Historik der Orte und Städte zu erkunden.“

Gibraltar – einzigartig und faszinierend

In Gibraltar anzukommen war zwar ein riesiger Triumph und irgendwie auch eine Erleichterung. Diese Entspannung wurde aber noch eine Weile verwehrt. Denn Gibraltar ist eine britische Kolonie und somit standen erst einmal Zollpapiere und der Währungswechsel in Pfund an. Danach konnten sie das kleine Gibraltar endlich erkunden. Was nicht nur den an Aviatik interessierten Manuel, sondern auch Ray faszinierte, war der Flugplatz. Die Hauptstrasse kreuzt nämlich die Landebahn, was weltweit einmalig ist. Es gibt keinerlei Arealbegrenzungen, ausser wenn eine Landung oder ein Start angekündigt ist. Dann werden Schranken geschlossen, wie wir es von Gleisübergängen kennen. Das Flugzeug landet, beziehungsweise hebt ab, die Schranken öffnen sich und die aufgestauten Menschenmassen und Fahrzeuge gehen weiter.

Quelle: Manuel Hobi

Gibraltar von oben

Die Erkundung Gibraltars konnte nach einem Foto auf dem Flugplatz starten. Mit trainierten Beinen und hochleistungsfähigem Herz und Lunge ist die Umrundung der Südspitze der iberischen Halbinsel eine Kleinigkeit. Die Strecke der Umrundung ist im Vergleich auch ein Katzensprung: 11 Kilometer. Das britische Überseegebiet hat aber viel Interessantes zu bieten. Und: Von Gibraltar bis zum afrikanischen Festland wären es nur noch 13.5 Kilometer Seeweg. Von Gibraltar aus sieht man die afrikanische Küste daher sehr deutlich. Was natürlich dazu verleitete, mit neuen Gedanken zu weiteren hochleistungssportlichen Leistungen zu spielen. „Ob wir es wohl schaffen würden, nun noch mit eigener Muskelkraft bis nach Afrika zu rudern…?“ Hier siegte aber die Vernunft über die Neugier. Zu viele Risiken wären mit diesem Projekt verbunden gewesen. 3000 zurückgelegte Kilometer mit dem Fahrrad während 26 Tagen mit nur drei Tagen Pause dazwischen gestreut, sind aber schon eine Höchstleistung auf die man enorm stolz sein kann. Das sahen zum Glück sogar Manuel und Ray so.

Eine zweite Runde..?

Das Ruderboot blieb also sicher im Hafen von Gibraltar stehen. Aber die Räder von Manuel und Ray dürfen sich auf weitere herausfordernde Touren gefasst machen. Fest steht, dass das nicht die einzige Tour gewesen war. Südamerika wäre interessant und etwas ganz Neues. Geplant ist noch nichts, aber wer weiss, schliesslich war die Reise nach Gibraltar auch nur zwei Wochen vor dem Startschuss geplant worden…

Höchstwerte von der Tour:

Höchstgeschwindigkeit: 90 km/h bei der Abfahrt vom Mirador Cuestas del Cedacero

Längste Etappe: 160km

Längster Streckenabschnitt ohne Frühstück: 30km

Grösste Entfernung ohne einen Tag Pause: 1000km

Meiste Höhenmeter: 3000m

Höchsttemperatur: 42 Grad (und an diesem Tag trotzdem 120 km gefahren!)

 

Voll abgefahren…!

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2 Comments
  1. Egon Schrei 3 Monaten ago

    Cool, plane gleiches und starte in Vorarlberg……möchte gerne mit Manuel Kontakt aufnehmen. Lgr.

  2. Christian Berner 1 Monat ago

    Liebe Radler

    Hättet Ihr die Streckenkarten? Ich fahre am 26.05.2018 ab Genf nach Malaga und muss das in ca. 15 Tagen schaffen, weshalb ich froh wäre, auf Anhieb die richtige Route zu wählen.
    Vielen Dank zum Voraus.

    Christian Berner, Holunderweg 1, 5102 Rupperswil – cberner@pitag.ch

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